Die Sache mit dem Stillen…

Da unser Kleiner gleich nach der Geburt erstmal von uns getrennt wurde, dauerte es relativ lange bis ich ihn das erste Mal anlegen konnte.

Unter Beobachtung einer Hebamme, einer Kinderkrankenschwester, einer Gynäkologin, einer Pflegerin, meines Mannes und meines kritischen Selbst (ihr merkt also eine ganze Armada an qualifiziertem Personal…) klappte es auf Anhieb … nicht. Ich war noch ziemlich geschwächt von der Geburt. Ebenso mein Sohn. Beide müde. Beide abgekämpft. Und Beide ohne jegliche Erfahrung im Umgang mit Stillen. Die Hebamme, die Gynäkologin und die Pflegerin verliesen wortlos den Kreissaal. Übrig blieben eine, mir unsympathische, etwas forsche Kinderkrankenschwester und Eltern und ein Neugeborenes ohne jegliche Stillerfahrung. Da mein Kleiner sowieso noch sehr müde und erschöpft war und doch lieber noch ein wenig schlief als an meiner Brust zu trinken, verlies auch die Kinderkrankenschwester bald den Raum. Übrig blieben also Eltern und ein Neugeborenes ohne jegliche Stillerfahrung. Meine Bemühungen das kleine Bündel frischen Lebens an meine Brust zu bringen scheiterten. Kläglich. Also wieder: Hebamme, Kinderkrankenschwester, Gynäkologin, Pflegerin, mein Mann und ich. Wieder verliesen die Hebamme, die Gynäkologin und die Pflegerin wortlos den Kreissaal. Die Kinderkrankenschwester nahm (ohne mich vorher zu fragen) etwas unsanft meinen Busen und drückte ihn, ebenfalls etwas unsanft, in den Mund meines Sohnes. Dieser, sichtlich perplex, lutschte und nuckelte etwas an der Brustwarze. War aber weitweg von richtigem Trinken an der Brust. Der Tipp der (etwas unsympathischen und etwas forschen) Kinderkrankenschwester: „Stecken Sie ihm den Finger in den Mund und massieren Sie ihm die Zunge. Irgendwann trinkt er schon.“. Wiederum verlies sie den Kreissaal. Einmal mehr blieben wir übrig (immer noch ohne jegliche Stillerfahrung).

Als wir dann auf die Station verlegt wurden (nach einer anstrengenden, schlaflosen ersten Nacht). Hatte mein Sohn noch keinen Schluck getrunken. Es wurde mir also ein Stillhütchen gereicht. Kurz erklärt wie es funktioniert, wurde ich sogleich wieder mir selbst überlassen. Voller Tatendrang versuchte ich sogleich mein Glück. Und siehe da: voller Gier begann der Zwerg zu trinken. Ich war wirklich froh über diese Wendung und richtig dankbar, dass jemand dieses unscheinbare Etwas namens „Stillhütchen“ erfunden hatte. Fortan trank mein Zwerg also gut und viel. Mit Hilfe dieses wunderbaren Plastikteils. Als wir entlassen wurden, holte ich mir noch die Adresse der Apotheke in welcher ich mir dieses Zauberding holen konnte.

Zu Hause angekommen war aber plötzlich alles anders. Auf einmal entwickelte ich den Ehrgeiz meinen Sohn auch ohne Stillhütchen stillen zu müssen. Wo war die Freude darüber geblieben, dass es dieses wunderbare Zauber-Stillhütchen gibt? Weg. Ich mühte mich ab. Las in meinen Stillbüchern nach. Versuchte verschiedene Anlegepositionen. Nichts. Mein Sohn wollte (oder vielmehr konnte) nicht ohne Stillhütchen trinken. Er weinte. Ich weinte. Also wieder zum Stillhütchen gegriffen. Im Hinterkopf immer der Gedanke und der Ehrgeiz es auch ohne diesem Plastikteil schaffen zu müssen. Das Stillhütchen wurde zu meinem persönlichen Feind. Also wieder: anlegen ohne Stillhütchen. Er weinte. Ich weinte. Bald kamen mir Gedanken, dass ich meinen Sohn nicht richtig ernähren könnte. Keine gute Mutter sei, weil Plastik mich beim Stillen von meinem Sohn trennte. Eines ergab das Andere und ich entwickelte eine handfeste Wochenbettdepression.

Der Babyblues traf mich also frontal und mit voller Wucht mitten ins Gesicht. Ich weinte. Die Tränen flossen wie von selbst. Eine nicht enden wollende Tränenflut übermannte mich. Ich konnte mir nicht helfen. Und das alles wegen einem durchsichtigen, kleinen Plastiketwas, das ich kurz zuvor noch hoch in den Himmel lobte. Mein Mann stand mir bei. Nahm mich in den Arm. Tröstete mich. Wurde nicht müde mir zu sagen was ich für eine wundervolle Mutter sei. Jegliche Bemühungen seinerseits scheiterten. Unsere Hebamme musste her. Melanie. Die wunderbarste, netteste, fürsorglichste und tollste Hebamme der Welt. Ein Engel eben. Sie arbeitete mit mir alles auf. Die Geburt. Die Ängste. Meine Gefühle. Die momentane Situation. Das Stillen. Und trotzdem: ohne das Stillhütchen wollte (bzw. konnte) mein Sohnemann nicht trinken. Wieder mein Ehrgeiz es schaffen zu müssen. Wieder: er weinte. Ich weinte. Meine Hebamme und ich vereinbarten also, dass ich das Stillhütchen verwenden sollte wenn ich alleine war. Wenn sie dabei war versuchten wir es ohne. Und siehe da: es funktionierte. Meine Hebamme half mir. Gab mir Tipps und zeigte mir (Still)Tricks. Umsorgte mich und machte mir Mut. Als meine Hebamme weg war: same as usual. Er weinte. Ich weinte. Ich war verzweifelt. Niedergeschlagen. Depremiert und von Selbstzweifeln zerfressen. Und das ganze zwei Wochen lang. Und dann, auf einmal, während eines verzweifelten Versuchs meiner Selbst ohne das Stillhütchen auskommen zu müssen, trank mein Sohn. Gierig und in vollen Zügen. Diesmal weinte nur ich. Nach zwei Wochen voller Bemühungen, Selbstzweifeln, Ängsten und vieler Tränen, hatten wir es geschafft. Wir hatten gelernt wie es läuft. Dank der kompetenten und liebevollen Anleitung meiner Hebamme, der Unterstützung meines Mannes, meiner Bemühungen und dem Vertrauen meines Kindes klappte es.

Nach weiteren vier Wochen in denen mir die Brüste schmerzten, die Brustwarzen juckten und ich immer wieder kurz davor war doch abzustillen, war es dann so weit: wir waren Stillprofis. Kein Licht wurde mehr in der Nacht gebraucht um zueinander zu finden. Keine Schweißausbrüche meinerseits mehr wenn mein Zwerg Anzeichen von Hunger zeigte. Keine Angst mehr meinen Sohn nicht richtig ernähren zu können. Kein Stillhütchen mehr. Wir waren Profis.

Im Nachhinein gesehen kann ich über meine damalige Angst meinen Sohn nicht richtig ernähren zu können, nur weil ich ein Stillhütchen verwendete, lachen. Damals aber ging es für mich sozusagen um Leben und Tod. Und diese Situation einer frischgebackenen Mama ist unbedingt ernst zu nehmen. Von allen.

Was ich euch mit meiner persönlichen Stillgeschichte sagen will, liebe Mamas, ist Folgendes: es fällt keine Meisterin vom Himmel. Stillen bedarf Übung. Stillen bedarf Vertrauen. In euch selbst und in euer Kind. Weder ihr noch eure Kinder kamen zuvor mit Stillen in Berührung. Vergesst das nicht. Habt Mut. Habt Zuversicht. Seid geduldig. Und: holt euch Hilfe! Hebammen, Stillberaterinnen, erfahrene Mamas. Und vergesst auch das nicht: lasst euch nicht unter Druck setzen. Weder von euch selbst und schon gar nicht von außen. Ein Kind wird auch mit der Flasche groß. Keine Frau muss unter allen Umständen stillen. Das ist eine ganz persönliche Entscheidung.

Niemand weiß was er kann, bevor er es versucht.

Publilius Syrus

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2 Gedanken zu “Die Sache mit dem Stillen…

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