Dieser Blick

Eine Schwangerschaft und eine Geburt verändern. Sie verändern nicht nur deine mentale und psychische Verfassung. Sie verändern auch deinen Körper. Und die Art und Weise wie du dich selbst betrachtest. Wahrnimmst. Fühlst. Bei mir war es so. Ist es so. Neun Monate lang wächst dein Bauch. Und umso größer er wird, desto mehr freust du dich. Schließlich wächst in ihm ein neues Leben. Ein neuer Mensch. Dein Kind.

Mein Körper war meiner Meinung nach schon vor der Schwangerschaft nicht perfekt. Hier ein bisschen zu viel. Dort ein bisschen zu wenig. Je nach Tagesverfassung mal mehr und mal weniger schön. Dann kam die Schwangerschaft. Während meiner Schwangerschaft hat sich mein Blickwinkel auf meinen Körper verändert. Plötzlich war mein Körper die Brutstätte für mein Kind. Der Bauch wurde größer. Der Zeiger der Waage schnellte nach oben. Im sechsten Monat machten sich die Schwangerschaftsstreifen bemerkbar. Dicke rote Linien zierten meinen Bauch. Aber: es machte mir zum ersten Mal in meinem Leben nichts aus. Warum? Weil ich im Begriff war Mutter zu werden. Und kein Kilo dieser Welt und kein einziger roter Streifen konnte daran etwas ändern. Dann war das Frühlingskind da. Und der Bauch war weg. Naja, weg ist vielleicht das falsche Wort. Er hat wohl eher seinen Platz verändert. Er stand nun nicht mehr nach vorne, sondern hing nach unten. Und wisst ihr was? Zum ersten Mal in meinem Leben machte mir das nichts aus. Denn: ich war Mutter. Mutter eines wunderschönen, perfekten Kindes.

In den Medien geistern Size-Zero-Körper. (Unnatürlich) Braun. (Unnatürlich) Dürr. (Unnatürlich) Makellos. Jeden Tag werden uns Körper präsentiert die perfekt sind. „Normale“ Durchschnittskörper gibt es nicht. Werden nicht gezeigt. Und werden vorallem nicht toleriert. Unsere Kinder wachsen mit dem ständigen Druck auf perfekt aussehen zu müssen. Sich schön und modisch kleiden zu müssen. Nicht akzeptiert zu sein, wenn der Körper anders aussieht als auf den Plakten und Werbespots. Jetzt nach meiner Schwangerschaft und mit einem „nicht perfekten Körper“ wird mir das jeden Tag wieder bewusst.

Ich will das nicht. Ich will nicht aussehen müssen wie die Models auf den Plakaten. Ich will nicht jeden Tag topmodisch gestylt sein müssen. Ich will nicht müssen was eine Mode- und Medienindustrie für wichtig und richtig hält. Ich will sein wie ich. Weil ich ich bin. Und das möchte ich auch meinem Kind vermitteln. Sein zu dürfen und zu können wie es ist. Ich möchte ein Vorbild sein. Ich möchte ihm das Selbstbewusstsein und das Selbstvertrauen geben, dass er er sein kann. Bedingungslos. Egal ob er dick, dünn, klein oder groß ist.

Jetzt wo die ersten heißen Tage gekommen sind und der Sommer beginnt, beginnt auch die Zeit des Baden gehens und des Bikini tragens. Auch mit einem nicht perfekten nach-Schwangerschafts-Körper. Vor kurzem war ich also im Freibad. Mit meinem Lieblingsmann und dem Frühlingskind. Im Bikini. Und wisst ihr warum? Ja warum zur Hölle denn nicht? Weil ich ein paar Kilo zu viel auf den Rippen habe? Weil ich Schwangerschaftsstreifen habe? Muss ich mich jetzt zu Hause verstecken? Weil mein Körper nicht der Norm der Medienwelt entspricht? ABer zum Anfang: mir gegenüber ist eine junge Mutter gesessen. Mit ihrem Kind das ca. acht Monate alt war. Sie war schön. Schlank. Keine Spuren von Schwangerschaftsstreifen, überschüssigen Kilos oder gar einer Fettschürze. Wir haben ab und zu einen Blick gewechselt. Uns nicht unterhalten. Sind uns also nicht näher gekommen. Am Ende des Badetages habe ich mir mein Shirt übergestriffen und meine Hose angezogen. Meine UMSTANDShose. Und da war er: dieser Blick. Dieser Blick den eine schlanke Frau einer dicken zuwirft. Mitleidig. Ungläubig. Voller Vorurteile. Und da stand ich. Beschämt. Verärgert. Verärgert darüber, dass eine andere Frau, eine Mutter, mich derart abfällig mustert. Augenscheinlich wegen meiner Figur.

Ich möchte, dass es endlich aufhört, dass wir Frauen uns gegenseitig mustern. Uns genau unter die Lupe nehmen. Und: urteilen. Beurteilen. Vorurteile haben. Lasst uns endlich zusammenhalten. Hören wir doch damit auf uns gegenseitig das Leben schwer zu machen. Zusammen können wir Vieles verändern. Zusammen können wir Vorbilder für unsere Kinder sein.

Ich habe Schwangerschaftsstreifen. Ich habe Orangenhaut. Und ich habe eine sogenannte „Fettschürze“. Wie so viele Frauen nach einer oder mehrerer Schwangerschaften. Aber: ich liebe meinen Körper. Denn er hat mein Kind hervorgebracht.

Your body is not ruined – you are a damn tigress who owned her stripes

 

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10 Gedanken zu “Dieser Blick

  1. Nina schreibt:

    Das hast Du sehr, sehr schön geschrieben!!! Auch die Veränderung im Denken. Das mit dem Bikini bekomme ich noch nicht hin…aber im Grunde geht es mir ganz genauso. Und lass Dir gesagt sein: auch ich trage nach jetzt fast 3 Monaten noch meine Schwangerschaftshosen 😉 Alles Liebe, Nina

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  2. littlelionsteps schreibt:

    ich kann deinen beitrag voll und ganz unterstreichen!
    vor der SS war ich auch nicht zufrieden. hier was zu meckern, da was zu mosern… dann war mein kleiner da und es war für mich auch fast wie neu geboren. ich mochte mich plötzlich ganz gut leiden obwohl problemstellen geblieben sind, aber da sieht man wie sehr einen so kleine lebewesen verändern können 🙂

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  3. Wiebke (Verflixter Alltag) schreibt:

    Du sagst es. Ich finde es auch furchtbar, wie uns die Modeindustrie und sonstige Mitläufer weiß machen wollen, was richtig und was falsch ist. Als Mutter ist es wichtig Mutter zu sein, nicht in irgendeine Kinderkleidergröße reinzupassen!
    Lieben Gruß, Wiebke

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  4. Kathrin schreibt:

    Schön geschrieben!
    Ich glaube, dass dein Sohn sich sochem Druck und solcher Selbstzweifel nicht aussetzen wird müssen. Denn, so wie du schreibst, sind in besonderem Maße Frauen diesem sexy-jung-schön-Stereotyp unterworfen. Ich kenne kaum Frauen, die diese unerreichbaren Körperideale toll finden. Paradoxerweise sind vor allem Frauen die schärfsten Kritikerinnen und gehen mit sich und anderen Frauen hart ins Gericht. Auch ich würde mir wünschen, dass sich nicht so viel um das Aussehen und um Attraktivität dreht. Sondern mehr ums Menschsein – egal, ob bei Männern, bei Frauen oder jeder anderen Form von Geschlecht.

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    • salzburgmom schreibt:

      Liebe Kathrin!

      Danke für deinen Kommentar!
      Da hast du sicher Recht. Als Mami einer Tochter wäre bestimmt mehr Druck dahinter.
      Das wäre der Idealfall: Mensch sein zählt. Nicht wie der Mensch aussieht.

      Liebe Grüße,
      Cora

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