Wo bleibt die Menschlichkeit?

Letzte Woche hatte der Lieblingsmann einen Fahrradunfall. Gar nicht so ohne. Er fährt durch den Salzburger Stadtverkehr. Der ist zu den Stoßzeiten bekanntlicherweise ja gar nicht so ohne.

Ich muss gestehen, dass ich mich vor diesem Anruf schon lange gefürchtet habe. Zu diesem Zeitpunkt war ich bei sehr guten Freunden von uns. Gut so. Wir sind auch gleich losgefahren um ihn abzuholen. Schon am Telefon habe ich gemerkt, dass er sich doch mehr verletzt haben muss. Zittrige Stimme, der Satz „mach dir keine Sorgen, aber…“. Ich also das Frühlingskind gepackt (hat zu diesem Zeitpunkt Gott sei Dank geschlafen) und losgedüst. An der Unfallstelle angekommen hab ich es schon gesehen. Blut. Ein beträchtliches Rinnsal vom Ellenbogen und das gleiche nochmal vom Knie. Welches ebenfalls dick geschwollen war. Den Daumen konnte er kaum bewegen. Sichtlich geschockt und verdattert war er obendrein.

Und dann ist es mir erst aufgefallen. Er war völlig alleine. Es war niemand da der ihm vom Gehsteig aufgeholfen hat. Der ihm das Rad auf die Seite gelegt hat. Der ihn gefragt hat ob alles in Ordnung sei. Geschweigedenn jemand der die Rettung verständigt hätte. Wir haben immerhin knapp 30 Min. von besagtem Anruf bis zur Unfallstelle gebraucht. Sprich der Lieblingsmann ist über eine halbe Stunde verletzt am Gehsteig gesessen (und würde dort vermutlich heute noch sitzen wären wir nicht gekommen). Dazu sei vielleicht auch noch gesagt, dass der Unfall nicht auf irgendeinem kleinen Waldweg passiert ist wo nur einmal pro Monat jemand vorbei kommt. Nein. Es ist auf einer der meistbefahrenen Straßen, zur Feierabendzeit, sprich absolute Stoßzeit, passiert. Die FußgängerInnen sind praktisch über ihn drüber gestiegen, die FahrradfahrerInnen haben einen großen Bogen um ihn gemacht und die AutofahrerInnen haben sich sowieso nicht zuständig gefühlt. Und der Wirt vor dessen Lokal der Unfall stattgefunden hat, hat sich nur um seinen Mercedes gesorgt über dessen Motorhaube der Lieblingsmann beinahe drüber gerutscht wäre.

Liebe Leute, ich kann es kaum fassen wie wenig wir uns um unsere Mitmenschen kümmern. Nicht einmal in einer Notsituation wie der diesen fühlt sich jemand zuständig. Niemand kümmert sich. Niemand hilft. Ich finde das beschämend. Alamierend und vorallem beängstigend. Was ist wenn du selbst in diese Situation kommst? Möchtest du dann nicht, dass dir jemand die Hand reicht, dich fragt wie es dir geht und vorallem, dass dir jemand hilft, jemand da ist? Und deshalb frage ich mich, mal ganz davon abgesehen, dass wir nach §95 StGb zur Hilfeleistung verpflichtet sind, wo bitte bleibt denn die Menschlichkeit, die Zivilcourage, ja ganz einfach der Basis-Hausverstand?

Wir haben uns mittlerweile von dem Schock erholt. Die Wunden an Knie und Ellenbogen sind verheilt, der Daumen heilt. Aber was bleibt ist das Gefühl, dass einem in einer Notsituation nicht geholfen wird…

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3 Gedanken zu “Wo bleibt die Menschlichkeit?

  1. Antonia schreibt:

    Gerade in Großstädten oder bei Menschenansammlungen fällt es Menschen schwer, den ersten Schritt zu tun und Verantwortung zu zeigen. Alle denken, es sind doch so viele Menschen da, einer wird schon helfen. Am Ende hilft gar keiner.
    Ich habe mal in München am U-Bahnhof Schellingstraße (Universität!) den Notarzt gerufen, weil dort ein Mann bewusstlos lag. Ich sah den Mann schon als ich die Treppe zur Station runter ging, direkt am Gleis liegen. Es waren überall Menschen, aber keiner hat sich hin getraut. Erst als ich hin gegangen bin, sind noch weitere dazu gekommen und haben gefragt, ob sie etwas tun können.
    Genauso bin ich in München mal zu einem schweren Verkehrsunfall dazu gekommen, wo es einen Fahrradfahrer schlimm erwischt hatte. Es standen zwar ein paar Menschen drum herum, aber keiner hat gewagt, etwas zu tun. Hab den angefangen, den Mann zu reanimieren. Paralell musste ich aber den Passanten Anweisung geben (Krankenwagen verständigen! Unfall stelle absichern! usw.) weil die in Schock nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten.
    Wahrscheinlich fällt es mir leichter zu reagieren. Ich bin ausgebildete Krankenschwester. Aber auch ich bin ich solchen Situationen erst mal verunsichert.
    Ich denke, es muss mehr und regelmäßige Erste-Hilfe Schulungen geben, damit die Menschen in solchen Situationen nicht mehr so unsicher sind.
    Ich schäme mich, aber ich bin auch in zivil mal zu einem Unfall dazu gekommen, wo ich hätte reanimieren müssen, aber mich nicht getraut hatte. Neben mir stand der Unfallverursacher und hat unaufhörlich auf mich eingeredet und ständig gesagt: „so schlimm wird es doch nicht sein, oder? dem gehts doch gut.“ usw. Dummerweise hatte ich gesagt, dass ich Krankenschwester bin, der Mann erwartet ein kompetentes Urteil von mir. Ich war wie schock gefroren und hab mich kaum getraut, irgendwas zu machen. Wäre ich allein gewesen, hätte ich ganz anders gehandelt.

    Sorry, das war jetzt etwas weiter ausgeholt und weg von deinem Thema (Mut und Engagement), aber mir fiel gerade so viel ein dazu…

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    • salzburgmom schreibt:

      Liebe Antonia!

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.
      In Sachen mehr Erste-Hilfe-Schulungen stimme ich dir voll und ganz zu. Es sollten alle regelmäßig in Erster Hilfe geschult werden. Das wäre das Um und Auf. Leider ist dem nicht so…
      Wenn ich persönlich zu einem Unfall dazu komme, ist es mein Urinstinkt zu helfen. Egal in welcher Form. Sei es die Rettung zu verständigen, Erste Hilfe zu leisten, die Unfallstelle zu sichern oder dem/der Verletzten einfach nur Mut zu zusprechen. Natürlich fällte es dem/der einen oder anderen leichter bzw. schwerer zu helfen, weil es Überwindung und Mut kostet.
      Trotzdem finde ich es immer wieder erschreckend wie wenig Zivilcourage doch vorhanden ist. Und in diesem Fall bin ich natürlich noch emotionaler, weil es mit dem Lieblingsmann mich persönlich betroffen hat. Das ist auch klar.
      Aber vielleicht hilft es, wenn man sich immer wieder vor Augen hält, dass es auch mich treffen kann und dann ist vielleicht auch niemand da der mir hilft…

      Ganz liebe Grüße aus Salzburg,
      Cora

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