Vom Unsinn der Babybetreuung…

Vor ein paar Tagen habe ich einen Artikel im Internet gelesen, bei dem mir, als Pädagogin in einer Krabbelstube, der Atem stockte. Ich habe mich gezwungen nicht sofort einen Blogeintrag zu verfassen, denn dieser wäre wahrscheinlich richtig hart und zu emotional geworden. Mehr noch als dieser hier heute.

Unter dem Titel ‚Vom Unsinn der Babybetreuung in Kitas oder warum man Säuglinge der Mutter nicht wegnehmen sollte‚ kotzt sich auf der Seite Regenbogenkreis der Autor, ein Mann, das ist, finde ich, nicht unerheblich zu erwähnen, darüber aus wie schlecht es um die Einrichtungen für unter dreijährige bestellt ist und welch psychische Langzeitschäden Kinder von ebendieser (schlechten) Betreuung für allezeit mitnehmen.

Gleich vorneweg möchte ich sagen, dass auch ich finde, dass die Ausbildung der Pädagoginnen in Kindergärten und Krabbelstuben gehörig angehoben und weitestgehend vertieft werden muss. Eine universitäre Ausbildung mit akademischen Abschluss erachte ich als unerlässlich. Aber nachdem in Österreich immer noch die Einstellung gilt alles was vor der Volksschule stattfindet zählt nicht als Bildung, womit Krabbelstuben und Kindergärten auch keine Bildungseinrichtungen in dem Sinne sind, macht uns der liebe Staat hierbei einen gehörigen Strich durch die Rechnung. So. So viel dazu. Die Art und Weise wie aber besagter Artikel geschrieben ist, finde ich anmaßend, unerhört, beschämend und nicht zuletzt kränkend.

Dem ersten Teil des Artikels kann ich guten Gewissens noch zustimmen. Hier geht es um die enorme Doppelbelastung für Frauen die Beruf und Kind(er) unter einen Hut bringen müssen. Das ist dann aber auch schon alles. Denn auch dieser Absatz endet leider in einem unzumutbaren Desaster. Denn die Schaffung von Kita-Plätzen sei keine „Erfüllung von alten Forderungen der Frauenbewegung nach Gleichberechtigung“ sondern Nötigung sein Kind so bald als möglich in Fremdbetreuung zu geben um „das Wirtschaftswachstum weiter vorantreiben“ zu können. Bumm. Das war für mich der erste Schlag in die Magengrube. Schließlich werde auch ich in nicht allzu weiter Ferne eine dieser Wirtschaftswachstums-vorantreibende-Rabenmutter sein die ihr Kind unter drei Jahren in Fremdbetreuung gibt. (Ich schäme mich bereits jetzt…)

Weiters heißt es, dass es nicht unerheblich ist wer das Kind in den ersten Lebensjahren betreut. Das stimmt. Zu viele (verschiedene) Betreuungs- bzw. Bezugspersonen verwirren ein Kind. Ich stimme zu. Allerdings sei es naturgegeben, dass dies in erster Linie die Mutter sei. Denn ein Kind „versteht noch nichts von Wirtschaftswachstum und Karriereleitern, es kann nicht anders, als sich an seine natürlichen Erwartungen zu halten und die richten sich vor allem an die Mutter.“ (Halligalli ihr arbeitenden Mütter von unter dreijährigen schämt euch was!) Auch die Bedeutung von primären (Mutter und bitte nur die Mutter!) und sekundären (vielleicht der Vater, eventuell auch die Großeltern, aber lieber die Mutter und nur die Mutter) Bezugspersonen wird erläutert. Soweit, so gut. Nun geht es aber darum, dass in einer Kita keine solide Vertrauensbasis gewährleistet sein kann, weil das nötige Personal und die notwendige Zeit fehlen. So und da stellen sich mir die Zehennägel auf. Keine solide Vertrauensbasis? Woran glaubt ihr denn, dass wir in der Krabbelstube arbeiten? Halleluja, ich möchte am liebsten schreien! Das ist das erste und wichtigste das wir uns, gemeinsam mit Eltern und Kind, erarbeiten (wollen). Eine solide, feste Vertrauensbasis, damit sich Kind, Eltern und auch PädagogInnen wohl fühlen und gut und vertraut miteinander arbeiten können. Nur über den liebevollen und vertrauenswürdigen Zugang funktioniert die Arbeit mit Kindern.

Richtig heiß her geht es aber erst im nächsten Absatz: „Entsprechend reagieren die Kinder meist mit panischer Angst, wenn sie in der Kita abgegeben werden, da sie in die Hände von Menschen gegeben werden, zu denen das Kind keine Vertrauensbeziehung aufgebaut hat. Für das Baby sind diese Personen Fremde, von denen es nicht weiß, ob sie sich liebevoll um es kümmern werden oder es bei nächster Gelegenheit verhungern lassen. Die Panikattacken können daher eine solche Schwere annehmen, dass sich das Kind vor Angst übergibt – und das jedes Mal. Irgendwann lässt dieses all morgendliche Drama in der Intensität meist nach. Es ist aber ein fataler Irrtum, zu glauben, das Kind habe sich nun eingewöhnt und alles sei in Ordnung. Vielmehr ist dies ein Zeichen dafür, dass das Bindungsverhalten des Kindes nun unrettbar gestört wurde. Die Proteste des Kindes verstummen nämlich nicht etwa, weil es Vertrauen zu den Betreuungspersonen gefasst hätte, sondern, weil es auch den bisherigen Vertrauenspersonen – auch der eigenen Mutter! – nicht mehr traut – immerhin haben diese es ja wiederholt in eine aus Sicht des Kindes lebensbedrohliche Situation gegeben und es trotz lautstarker Proteste nicht „gerettet“.“ Während ich das lese bekomme ich Magenschmerzen. Ehrlich. Mir wird richtig schlecht. Vor Zorn und Wut. Jedes einzelne Kind, das ich betreuen darf, baut (früher oder später, das ist von Kind zu Kind verschieden) Vertrauen zu mir auf. Das ist, wie schon oben erwähnt, Voraussetzung für mich. Ich bin, oft schon nach wenigen Tagen, keine Fremde mehr für das Kind und die meisten Kinder kommen bereits bald sehr, sehr gerne und mit viel Freude in die Einrichtung. Liebevolle Betreuung? UNBEDINGT! Die Angst verhungern zu müssen (egal ob physisch oder psychisch)? NIEMALS! Ein Kind mit regelrechten Panikattacken oder ein Kind das sich jedes Mal bevor es in die Einrichtung kommt übergeben muss, das habe ich wirklich noch nie erlebt. Und wenn ich so etwas jemals erleben muss, dann weiß ich damit umzugehen. Oftmals aber leider die Eltern nicht. Denn ganz oft sind es die Eltern die erheblichen Druck auf ihr Kind ausüben und z.B. ohne sich vom Kind zu verabschieden die Krabbelstube verlassen. Dass ein Kind dann mit Wut, Angst und Gezeter reagiert ist wohl mehr als angemessen. Aber jedes Kind freut sich, wenn am Ende eines lustigen, anstrengenden und erfüllten Krabbelstubentages die Mama oder der Papa vor der Tür steht. Ein Kind ist nicht automatisch in einer „lebensbedrohlichen“ Situation wenn es fremdbetreut wird. Um Himmels Willen wo leben wir denn, dass solche Ansichten herrschen?

Natürlich gibt es Kinder die einem Krabbelstubenalltag, vor allem in frühen Jahren, nicht gewachsen sind. Es gibt auch Kinder die schlichtweg nicht in eine Krabbelstube gehen wollen. Das ist in Ordnung. Das ist so. Und ich hatte mehr als nur einmal den Fall, dass ich, nach der vierwöchigen Eingewöhnungsphase (bei der Mama und/oder Papa stets anwesend sind und dem Kind den nötigen Rückhalt geben) leider abbrechen musste, weil das Kind einfach noch nicht so weit war. Auch das gibt es. Aber auch damit wissen wir ElementarpädagogInnen umzugehen.

Ich finde es unerhört zu behaupten, dass Kinder, welche unter drei Jahren fremdbetreut werden, unter „Dauerstress“ stehen und zeitlebens Probleme damit haben werden „feste, stabile Beziehungen zu ihren Mitmenschen aufzubauen“. Genau das ist es, was wir PädagogInnen versuchen zu vermeiden. Wir sind doch keine Monster die kleine Kinder absichtlich in Stresssituationen bringen um ihnen für immer die Lust an Beziehungen zu  nehmen und sie dann möglichst schnell von Mutter und Vater zu lösen um sie in unsere Fänge des Bösen zu drängen… Was mich dann aber wirklich zur Weißglut gebracht hat, ist folgendes: „[…] Deshalb wirken sich alle Erfahrungen – und hier insbesondere Stress – direkt auf die Reifungsprozesse des Großhirns aus und bilden so die Grundlage für spätere psychologische Krankheiten und Auffälligkeiten, darunter Angststörungen und Depressionen. Mit anderen Worten: Eine unsichere Bindung führt zu Schäden am Gehirn und an der Seele des Kindes! Eine Fremdbetreuung unter diesen Umständen grenzt damit an fahrlässige Körperverletzung!“. Ich stimme zu, dass eine unsichere Bindung zu vielerlei psychischen Erkrankungen führen kann. Eine Bindung zwischen Mutter-Kind bzw. Vater-Kind beginnt aber bitte nicht erst mit dem Eintritt des Kindes in eine Betreuungseinrichtung. Den Grundstein müssen wir Eltern von Anfang an legen. Es kann wohl nicht die ganze Schuld einer unsicheren Bindung auf die Fremdbetreuung geschoben werden. Kinder die sicher gebunden sind gehen schon mit ganz anderen Gefühlen in eine Einrichtung als unsicher gebundene Kinder. Das ist aber nicht die Schuld des/der BetreuerIn die das Kind zum ersten Mal sieht. Die Verantwortung der Eltern wird hier meines Erachtens ziemlich ausgeklammert und dann die Betreuung unter „solchen Umständen“ als fahrlässige Körperverletzung zu bezeichnen grenzt für mich an Verleumdung.

Wenigstens wird dann eingeräumt, dass eine gute Betreuungseinrichtung nicht ganz unmöglich umzusetzen ist, wenn der Betreuungsschlüssel herabgesetzt wird. Liebe Eltern und Erziehungsberechtigte, das ist es was wir PädagogInnen seit Jahren predigen. Weniger Kinder in Schulklassen, Kindergärten- und Krabbelstubengruppen. Auch die Idee Kinder in den Arbeitsalltag zu integrieren finde ich gut. (Ich stelle gerade fest, dass ich doch einige Punkte in diesem Artikel gut heißen kann…) Und die Idee eines Muttergehalts (warum eigentlich nicht Vatergehalt?) ist zu überdenken, allerdings nicht ganz in der Form wie es dieser Artikel darstellt.
Was mich ganz generell an diesem Artikel ärgert ist die Darstellung der Berufsgruppe ‚PädagogInnen in Einrichtungen für unter dreijährige‘. Es gibt auch schlechte ÄrztInnen, deswegen behandle ich mich auch nicht selbst zu Hause. Schwarze Schafe gibt es leider in jeder Berufsgruppe. Weiters finde ich es rückschrittig, dass hier immer nur die Mütter in der Verantwortung stehen. Väter werden hierbei ganz ausgenommen. Auch wenn in manchen Absätzen der Ansatz zur Gleichberechtigung durchaus gegeben wäre.
Und das was in diesem Artikel überhaupt nicht zur Sprache kommt sind die Mütter und Väter die darauf angewiesen sind ihr Kind fremdbetreuen zu lassen. Sei es Aufgrund dessen, dass man alleinerziehend ist, es sich schlicht und ergriffen nicht leisten kann zu Hause zu bleiben oder, weil, das ist jetzt natürlich nur ganz ganz schwer nachzuvollziehen… es einfach nicht wollen den ganzen Tag mit dem Kind zu Hause zu sein. In diesem Artikel wird das schlechte Gewissen von Müttern und Vätern geradezu geschürt. Keine Mutter und kein Vater gibt sein/ihr Kind leichtfertig und ohne jegliche Bedenken in einer Einrichtung ab. Das ist wohl naturgegeben und durchaus nachvollziehbar. Mit solchen Artikeln allerdings geben Eltern ihre Kinder in Zukunft mit einem noch größeren schlechten Gewissen dorthin. Das finde ich fahrlässig.
In Österreich hat die Elementarpädagogik leider nicht den Stellenwert den sie verdient hat. Das fängt in der Ausbildung der PädagogInnen an und hört an der Führung von Einrichtungen noch lange nicht auf. Ich als Pädagogin weiß selbst nur zu gut, dass nicht alles Gold ist was glänzt. Es gibt gute und es gibt leider auch schlechte Einrichtungen. Das ist im Vorfeld immer zu prüfen.
Und, dass das Thema Betreuung ein ganz heikles ist, das ist mir, spätestens seit ich selbst Mutter bin, völlig klar. Es ist auch richtig und wichtig, dass es zu diesem Thema verschiedene Ansichten und Ansätze gibt. Ich würde es mir nie anmaßen eine Mutter, die als Betreuungsform ihr Eigenheim wählt, dafür anzuklagen. Im Gegenzug dazu möchte ich aber auch nicht dafür angeklagt werden, dass ich mich dafür entscheide mein Kind fremdbetreuen (in welcher Form auch immer) zu lassen.
Mit diesem Artikel fühle ich mich sowohl als Mutter als auch als Elementarpädagogin in meinen Werten und Ansichten angegriffen. Das ist wohl auch der Grund warum dieser Eintrag diese Länge erreicht hat.
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2 Gedanken zu “Vom Unsinn der Babybetreuung…

  1. salzburgmom schreibt:

    Vielen Dank liebe Maria ❤
    Ich habe mich einfach sehr geärgert. Ich weiß, dass dieses Thema, oder eigentlich alle Themen die mit Kindererziehung zu tun haben, sehr kontrovers sind. Aber alles muss man nicht auf sich sitzen lassen 😉

    Liebe Grüße,
    Cora

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